FORM>

inHard | Bei FuĂźenkreuz 11 | D-66806 Ensdorf | Germany | Phone: ++49 6831-5095-30 | eMail

CHRISTOPHER GOULD
“Gute Musik muss vor allem aus dem Bauch kommen”

Mit „Till Party Do Us Deaf“ legt CHRISTOPHER GOULD ein kleines musikalisches Meisterwerk vor. Sein komplexer und ins Ohr gehender Songwriter-Prog-Pop erinnert mitunter an Peter Gabriel und Ray Wilson, verfĂĽgt aber ĂĽber groĂźe Eigenständigkeit. 

inHard: Kannst du mir bitte zu Anfang etwas über deinen musikalischen Background erzählen? Wann hast du dein Solo-Projekt gestartet?

Christopher: Ich komme aus einer Musikerfamilie: Mein Großvater war Flötist, mein Vater war erst Oboist, dann Dirigent, und meine Mutter ist Sängerin. Das bedeutete einerseits, dass ich bis zu meinem 12. Lebensjahr nur Klassik gehört habe und andererseits, dass ich als Fünfjähriger bereits Blockflöte lernen musste. Ich hasse Blockflöten bis heute... Zum Glück entdeckte ich irgendwann die Wandergitarre meiner Mutter und begann zu schrammeln. Das entwickelte sich immer weiter, bis ich in einer Band spielte, die von Genesis, Yes, Marillion, ELP und Konsorten begeistert war. Komplexe Stücke also, mit Tempo-, Rhythmus- und Tonartwechseln. Irgendwann verkrachten wir uns dann, und da stand für mich als Haupt-Songlieferant eigentlich schon fest, dass ich in Zukunft nur noch im Alleingang arbeiten wollte, weil man sonst wahnsinnig viel Zeit mit Kompromissen und uferlosen Diskussionen verliert.

inHard: Wie lange hast du an deinem Album „Till Party Do Us Deaf“ gearbeitet?

Christopher: Wenn man das Schreiben der Songs dazuzählt, habe ich ungefähr drei Jahre am Album gearbeitet. Die reinen Studioaufnahmen dauerten etwas mehr als ein Jahr und begannen im Juli 2011 in Belgien. Jean-Philippe Komac und Herwig Scheck haben mir dort bei der Produktion geholfen. Beide sind absolute Profis, die in Belgien mit fast allen namhaften Künstlern spielen...

inHard: Was kannst du mir über die Studioarbeiten zur CD erzählen? Welche Erinnerungen hast du daran?

Christopher: Die Arbeit lief nach dem für mich vertrauten Schema ab: Ich schreibe die Songs daheim und nehme Demos davon mit Cubase und meinem Computer auf. Diese Demos fungieren dann als Pilot-Tracks für die eigentlichen Aufnahmen. Im Juli 2011 haben wir die Bass- und Schlagzeugparts im Jet Studio in Brüssel eingespielt. Das Studio gibt es seit über 40 Jahren, und es ist berühmt für seine Akustik. Die war uns für das Schlagzeug sehr wichtig. Man kann nämlich gewiss viel am Sound nachbessern, aber wenn die Aufnahmen an sich schon gut klingen, bieten sich noch viel mehr Möglichkeiten. Die Bass- und Schlagzeugparts waren innerhalb von zwei Tagen im Kasten. Danach war vorgesehen, dass ein ebenfalls bekannter Gitarrist ein paar Parts einspielen sollte, und zwar in seinem eigenen Studio. Das hat sich wegen Beziehungsproblemen des Produzenten Herwig über Monate hingezogen, obwohl Tom an sich auch sehr schnell arbeitet. Ende November 2011 war das Kapitel dann endlich abgeschlossen. Meine Gitarren- und Keyboardparts, die ich bei mir zuhause aufgenommen hatte, waren natürlich ebenfalls am Start, und so konnten wir uns an die Gesangsparts machen. Diese wurden in einem Schlafzimmer in Antwerpen aufgenommen, mit Mikrofonen, die sich Herwig in der Slowakei bzw. Tschechei gekauft hatte: exzellente Kopien von Neumann- und AKG-Legenden. Ende Dezember waren meine Lead- und Backing-Parts fertig, also konnten die Frauenstimmen hinzugefügt werden. Ende Januar 2012 sollte dann der Mix beginnen, aber es kam erneut zu Verzögerungen, diesmal weil Herwig mit zahlreichen anderen Projekten beschäftigt war. Das habe ich mir dann bis Ende März angeschaut und schließlich beschlossen, jemand anderen mit den Mixen zu beauftragen. Die Wahl von Dan Scheck, der bei der ersten Session Toningenieur war, lag da eigentlich auf der Hand. „At Your Service (In Zis Restaurant)” und „Cosy Black Hole In My Soul” waren zu dem Zeitpunkt zwar als Demos fertig, aber noch nicht definitiv eingespielt. Um endlich voranzukommen, habe ich erneut das Jet Studio gebucht und außer Jean-Philippe, dem Drummer, der von Anfang an dabei war, noch andere Profi-Freunde angerufen. Ende Mai 2012 haben wir diese beiden Titel an einem Tag aufgenommen. Die Musiker der zweiten Session sind jetzt übrigens auch meine offizielle Band für Live-Auftritte...

inHard: Die einzelnen Songs verfügen über eine sehr melodische, catchige und faszinierende Atmosphäre. Der Sound klingt spannungsvoll, verspielt, majestätisch, mystisch, geheimnisvoll, progressiv, ja sogar ein Schlenker in Richtung Reggae („At Your Service“) wird gemacht. Die instrumentale Vielfalt und der komplexe Songaufbau sind beeindruckend. Woher rührt deine Vorliebe solche feingliedrigen Kompositionen zu entwerfen?

Christopher: Zunächst einmal vielen Dank für die vielen Adjektive! Ich mag es eben, wenn man sich einen Song mehrmals anhören kann und immer weitere spannende Elemente entdeckt. Das war beim vorigen Album „Sheer Excellence” auch schon so. Ich kann aber nicht sagen, dass ich bewusst mystische, verspielte usw. Aspekte einbaue, um einen Song interessant zu machen. Das passiert bei mir ganz automatisch. Vielleicht liegt meine Vorliebe für leicht verspielte Elemente auch an meinem musikalischen Werdegang: Früher mussten die Taktarten so komplex wie möglich sein und die Wechsel möglichst unerwartet kommen. Damals wollte ich vor allem Musiker beeindrucken und schrieb daher „Kopfmusik”, die man intellektuell analysieren kann. Da ich in der Klassik aber eher auf Rachmaninov als auf Bach stehe, wurde mir irgendwann klar, dass Musik vor allem aus dem Bauch kommen muss. Wenn das Gefühl eines Songs stimmt, kann man dies noch mit technischen Feinheiten verstärken, wenn es songdienlich ist. Heutzutage möchte ich mit meinen Songs etwas ausdrücken, das ich mich als Mensch nicht unbedingt zu sagen traue. In dieser Hinsicht sind die Songs auch eine Art Realitätsverarbeitung und Frustabbau, ohne anderen damit direkt auf den Schlips zu treten.

inHard: Unverkennbares Trademark auf der Scheibe ist natürlich deine Gesangsstimme, die mich auf den progressiven Stücken der CD (u.a. „One Day“) an Ray Wilson denken lässt…

Christopher: Hm, ich kenne Ray Wilson eigentlich nur dem Namen nach und muss mir seine Sachen einmal anhören, um dann lauthals protestieren zu können, dass dieser Vergleich keinen Sinn macht… (schmunzelt). Vergleiche mit Peter Gabriel wurden auch schon angestellt. Obwohl ich meine Stimme bzw. meine Phrasierung noch nie mit seiner verwechselt habe, empfinde ich das als Kompliment, weil er ja auch großen Wert auf gut geschmiedete Songs legt. - Ich selbst höre mir ganz anders zu: Ich analysiere die Phrasierung, die Tonfestigkeit und solche Sachen und achte darauf, ob der Text mit dem richtigen Gefühl rübergebracht wird. Na wenigstens habe ich ja schon einmal ein „Trademark” – freu!

inHard: Hast du bestimmte Songs auf der Platte, die du besonders magst, einer meiner Favoriten ist das rockige „Talk Too Much“ mit toller Hammond-Passage…

Christopher: Also vom rockigen Groove her finde ich „One Day” einen Kracher, der auch live sehr gut funktioniert und den man unendlich verlängern kann, wenn das Publikum mitzieht. Bei „Some Things” bin ich stolz auf den Rap-ähnlichen Text, wo eine Menge Informationen auf den Zuhörer niederprasseln. Das Queen-ähnliche Outtro macht mir immer noch Gänsehaut. Bei „Tomorrow” bekomme ich nach wie vor Herzklopfen, wenn der Refrain losbrät. Und „Cosy Black Hole In My Soul” ist meiner Ansicht nach ein Hit, der sehr elegant am schnöden Kommerz vorbeischrammt und trotzdem ein Ohrwurm ist...

Rainer Guérich
CD: Till Party Do Us Deaf (Finest Noise/Radar) 

inHard | Bei FuĂźenkreuz 11 | D-66806 Ensdorf | Germany | Phone: ++49 6831-5095-30 | eMail
© 2012 www.inhard.de alle Rechte vorbehalten