Mit “Dreams And Expressions” hat Michael Schenker eine Platte eingespielt, deren Riffs doch glatt für drei CDs gereicht hätten. Da musste inHard aber mal nachhaken...

inHard: Du verfolgst auf deinem neuen Instrumentalalbum ein ganz besonderes Konzept. Was kannst du mir darüber erzählen?

Schenker: Ich wollte statt dem üblichen Schema Vers, Brücke, Gesang, Chorus, Refrain mal eine völlig unkommerzielle Sache machen, also kein Album, das sich ständig wiederholt. Du kannst es auch ein musikalisches Abenteuer nennen, bei dem man nie genau weiß, welche Wendung dich im nächsten Song erwartet. Natürlich verlangt eine solche Platte vom Hörer eine größere Aufmerksamkeit. Das heißt, man braucht schon länger, um gewisse musikalische Nuancen zu erkennen. Meine Absicht war es, mein ‘99er Album “Adventures Of Imagination” (während der UFO-Tourpause entstanden) mit “Dreams And Expressions” zu verbessern und fortzuführen. Es ist  schon ein vergleichbares Konzept, aber deutlich härter und mit mehr Ecken und Kanten versehen. Die “Dreams And Expressions” ist auch die erste Platte von mir, die ich mir seit 6 Monaten fast ständig anhöre. Was für mich eine unheimlich interessante Angelegenheit ist. Normalerweise hast du deine Musik nach dem Studioaufenthalt  mehr als 3.000mal gehört. Und wenn du sie dann nach 6 Monaten immer noch hören kannst, ist das für mich ein gutes Zeichen. Ich ertappe mich sogar desöfteren, dass ich in den einzelnen Songs immer wieder klangliche Details entdecke, die ich vergessen hatte. Und das ist das wirklich Gute an der Platte. Dass du nach so langer Zeit immer noch Freude daran hast, dir ganz bestimmte Stücke anzuhören. Es ist wie eine Entdeckungsreise, die du bei normalen Kompositionen, wo z.B. ein Refrain kommt (Michael singt mir “I Love You, Yeah Yeah” von den Pilzköpfen vor), keinesfalls hast. Das ist ziemlich langweilig. Bei der “Dreams And Expressions” lauert aber hinter jeder Note das Unerwartete und der Gitarrensound kommt richtig fett...

inHard: Auf den Punkt gebracht: Du bist von deiner Platte selbst überrascht?

Schenker: Genau! Und es ist eine Platte, bei der man nach dem ganzen Stress richtig gut abschalten kann. Wenn man natürlich kein Gitarrenspiel mag, wird man an “Dreams And Expressions” keine Freude haben. (lacht) Obwohl die Stücke vielleicht auch Sinn für Leute machen, die normalerweise auf eine andere Musik stehen. Das kann ich aus meiner Perspektive aber schlecht beurteilen, da ich als Gitarrist schon befangen bin. Wenn man jedoch Gitarrenfan ist, wird man die CD immer wieder hören und von vielen Passagen ein ums andere Mal überrascht werden. Es ist soviel Information auf dem Album, das kannst du dir gar nicht alles merken. Und vor allem: Auf den einzelnen Stücken gibt es nicht das übliche, technische Gedudel. Es gibt viele Passagen, die sehr melodiös klingen und in denen sehr viel Gefühl steckt.

inHard: Es gibt ja auch viele Gitarristen der jüngeren Generation, die in dir so etwas wie ein Vorbild sehen. Die werden die einzelnen Stücke bestimmt mit großem Interesse anhören!

Schenker: Ja, das kann schon sein. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich diesbezüglich eine Vorbildfunktion ausübe. (lacht) Schließlich mögen Gitarristen ja nicht dasselbe. Die einen stehen mehr auf technischen Kram, die anderen bevorzugen eher die gefühlvolle Seite. Manche können nicht mit Gefühl spielen, manche müssen mit Gefühl spielen... (lacht)

inHard: Und der Titel “Dreams And Expressions” steht für die beiden Dinge, die dir im Leben am wichtigsten sind?

Schenker: Das war eher Buchstabensalat. Als ich die Platte im Kasten hatte, stellte ich fest, dass die CD insgesamt 20 Stücke hatte, was sich auch mit der Zahl der Buchstaben von “Dreams And Expressions” deckte. Also hab’ ich mir keine umständlichen Titel überlegt, sondern die Stücke des Albums einfach von 1-20 durchnumeriert. Ich dachte einfach, das wäre mal ganz witzig...

inHard: Irgendwie hast du dich aber verzählt, es gibt doch 21 Tracks auf der Platte!

Schenker (lacht): Ja, Track 21 hatte ich beim Mischen irgendwie vergessen. Und so firmiert das Stück nun als Bonustrack.

Bernd Oppau