Das Songwriterdreamteam des Punkrock ist wieder am Start: Sänger Greg Graffin raufte sich nach sechs Jahren wieder mit Gitarrist und Epitaph Boss Brett Gurewitz zusammen. Das Ergebnis dieser kreativen Kollaboration heißt “The Process Of Belief”...

 

INHARD: Brett war sechs Jahre nicht bei Bad Religion und ist nun wie das verlorene Schaf zu seiner Herde zurückgekehrt. Wie fühlt es sich nach all den Jahren an, in punkto Songwriting wieder Teil eines Duos zu sein?

Greg Graffin: Ich war sehr glücklich ihn zurück zu haben, weil es schwieriger war als ich dachte, ein ganzes Album alleine zu texten. Als wir anfingen “The Process Of Belief” zu schreiben, habe ich auf die letzten drei Alben zurückgeschaut und mir fiel auf, dass “The Process Of Belief” einfach aus mir heraussprudelte, während die anderen Aufnahmeprozesse richtiggehende Kämpfe waren. Ich habe realisiert, dass ich als Songwriter an meine Grenzen stoße. Ich glaube, dass ich in der Lage bin, die Hälfte der Songs einer Platte gut abzuliefern, aber wenn ich ein ganzes Album alleine schreiben muss, ist es viel inkonsistenter. Deshalb ist Brett eine großartige Erleichterung und Unterstützung für mich. Ich fühle mich so glücklich, dass ich mein Bestes als Teil eines Teams geben kann. So ist es viel einfacher, ein Projekt zum Abschluss zu bringen.

INHARD: Sind dir die letzten drei Alben “The New America” (2000), “No Substance” (1998) und “The Gray Race” (1996) ohne Brett peinlich?

Greg Graffin: Absolut nicht. Es wäre ein Fehler zu denken, dass da etwas Peinliches auf den letzten Alben wäre. Ich hatte genug gesunden Menschenverstand, um zu wissen, dass man kein Album veröffentlicht, wenn es dich nachher bloßstellt. (lacht verschmitzt). Ich bereue nichts, was ich getan habe, gestehe mir aber ein, dass es schwierig war.

INHARD: Du warst über die ganzen Jahre mit Brett in Kontakt und wusstest auch von seiner schweren Drogenkrise. Hast Du ihn unterstützt?

Greg Graffin: Das Problem war, dass Brett selbst mit seinen engsten Freunden nicht über sein Drogenproblem gesprochen hat. Nicht einmal seine Familie wusste Bescheid. Er lebte in einer abgesonderten Welt, und es gab nichts, was irgendjemand für ihn hätte tun können. Das Beste, was ich während dieser Zeit für ihn tat, war ihn nicht zu verurteilen und für ihn da zu sein, wenn er mich brauchte. Tatsächlich gab es zwischen uns nie Animositäten, wir haben nie gestritten oder uns für irgendwelche Fehler verantwortlich gemacht. Wir haben die Brücke zwischen uns nie abreißen lassen. So waren wir jetzt fähig, für “The Process Of Belief” wieder zueinander zu finden. Das ist das Einzige, was zählt!

INHARD: Kritiker kreiden euch immer wieder an, dass Bad Religion seit Jahren nur noch einen Song in verschiedenen Variationen aufnehmen. Warum sollte sich jemand, der zu Hause schon “Suffer”(1988), “Against The Grain”(1990) und “Stranger Than Fiction”(1994) im Plattenschrank stehen hat, auch noch “The Process Of Belief” kaufen?

Greg Graffin: Der Job eines Künstlers ist es nicht, jemanden davon zu überzeugen, dass er sich irgendeine Platte kaufen soll. Es soll sich niemand gezwungen fühlen. Wir machen immer noch wirklich gute Musik, es macht Spaß sich die Songs anzuhören. Wenn man die Entwicklung von uns verfolgt, ist dieses Album ein wichtiger Punkt in unserer Bandhistorie. Es ist wie eine Wiedergeburt von Bad Religion. Und das ist nun schon das vierte Mal der Fall. Zum erstenmal 1980, als wir die Band gegründet haben, dann irgendwann um 1988 herum, als wir “Suffer” geschrieben haben - das war auch eine sehr wichtige Zeit für uns und für die Punkgeschichte - dann gab es eine Zeit um “The Grey Race”, welches das erste Album war, das wir ohne Brett aufgenommen haben. Momentan ist eine sehr interessante Zeit in der Evolution von Bad Religion, weil Brett zu uns zurückgekehrt ist. Die Texte auf “The Process Of Belief” sind zum Beispiel viel persönlicher geworden...

INHARD: Auf eurem neuen Album gibt es ein paar Songs – zum Beispiel “Sorrow” – die erfrischend anders klingen und so gar nicht nach einem typischen Bad Religion Song.

Greg Graffin: Das ist witzig, weil “Sorrow”  einer der ersten Songs war, den wir für das neue Album geschrieben haben. Und wir haben eigentlich gedacht, er wäre ein typischer Bad Religion Song.

INHARD: Er beginnt mit einem geschmeidigen Gitarrenintro à la Police...

Greg Graffin: Stimmt, es hat ein paar Veränderungen gegeben, aber der Kern ist immer noch ein Punkrock. Trotzdem kann man fast alle unsere Songs am Klavier oder mit der akkustischen Gitarre nachspielen, weil fast alle so entstanden sind.

INHARD: Der Text von “Broken” klingt nach einer Bitte um Vergebung und Akzeptanz. Wofür wollt ihr euch entschuldigen?

Greg Graffin: Die Idee, dass eine Person innerlich zerbrochen ist und wieder neu aufgebaut werden muss, ist meiner Meinung nach ein moralisch fragwürdiges Thema. Ich denke nicht, dass “Broken” eine Entschuldigung ist, sondern viel eher eine klare Darstellung, dass niemand mit dem Finger auf mich zeigen und mir einreden kann, dass in mir etwas zerbrochen ist. Man muss mich akzeptieren wie ich bin, was wiederum ein wichtiger Punkt in der Punk-Philosophie ist.

INHARD: Punk ist ein gutes Stichwort. Was glaubst du: Wie können Teenager eine Punkband, die seit 20 Jahren besteht und deren Musiker Geheimratsecken haben, ernst nehmen?

Greg Graffin: Das ist das Gute an Punk. Man muss seine Songs nicht einer Altersgruppe anpassen, weil die Themen, über die wir singen, ein ganzes Leben lang relevant bleiben. Ich will, dass unsere Hörer anfangen, Autoritäten zu hinterfragen, anzuzweifeln, lernen für sich selbst zu denken. Wenn man schon als Teenager damit begonnen hat, über solche Themen nachzudenken, dann gehört man zu den glücklichen Menschen auf dieser Welt. Es sind zwar schon 20 Jahre vergangen, seit ich 17 war, aber ich kämpfe immer noch und beschäftige mich mit solchen Themen.

INHARD: Auf der Labelseite stand auch ein Wechsel an. Vom Majorlabel zurück zu eurer ersten Plattenfirma Epitaph...

Greg Graffin: Wir hatten unsere Verpflichtungen bei Sony erfüllt und sind auch sehr zufrieden mit unserer Arbeit, die wir dort gemacht haben. Jetzt war es einfach an der Zeit zu unserer alten Familie zurückzukehren. Das war die natürlichste Sache der Welt.

INHARD: Du bist jetzt schon 20 Jahre im Geschäft. Hattest du jemals Angst, deine Inspiration zu verlieren oder von deinem Weg abzukommen?

Greg Graffin: Nicht wirklich. Ich finde jedes Jahr neue Inspiration. Das ist wie das Leben im Allgemeinen. Um morgens aufzustehen und produktiv zu sein, musst du genauso inspiriert sein. Es ist überraschend, wo diese Inspiration manchmal herkommt. Oft kommt sie aus deinem Inneren. Ich hatte nie mangelnde Inspiration.

INHARD: Du bist in einem kleinen Vorort von Los Angeles aufgewachsen. Wäre die Band aus Hollywood, würde Bad Religion anders klingen?

Greg Graffin: Wir wollten damals unbedingt aus Hollywood sein! Wir sind jede Nacht in Hollywood rumgehangen. Ich glaube, das war der Ort mit dem wir uns selbst identifiziert haben. Aber wir haben uns nie als Jungs aus Hollywood ausgegeben. Wir waren mehr kosmopolitisch. Wir wussten, dass wir Außenseiter waren, die aus einem Kaff kamen. Ich glaube nicht, dass Hollywood unseren Sound beeinträchtigt hätte. Wir waren das Produkt dieses Vororts, und ich glaube, dass Punk das Produkt der kleinen Käffer ist und nicht das der Großstadt.

INHARD: Eure Songs beschäftigen sich nach wie vor mit Politik, Unterdrückung und Missständen...

Greg Graffin: Politik verändert die Denkweise der Menschen. Ich hingegen möchte die Leute dazu bringen, dass sie denken. Ich möchte, dass sie ihre Köpfe benutzen. Wenn sie das dazu bringt zu demonstrieren, ist das eine gute Sache. Wenn es sie dazu bringt, Bücher zu schreiben, ist das auch eine gute Sache. Wenn es sie dazu bringt Bücher zu lesen, um so besser. Ich glaube, dass unsere Musik Respekt vermittelt, dazu ist es nicht erforderlich, ein politischer Führer zu sein. Diese Rolle wollte ich niemals haben. Ich mag Musik und ganz besonders Musik, die Substanz hat. Vor allem gute Texte; sie können Menschen in ihrem Innersten bewegen. Ich weiß gar nicht, ob ich einen guten Politiker abgeben würde.

INHARD: “The Process Of Belief” ist ein Titel, der die obskursten Interpretationen zulässt. Was ist deine persönliche Definition?

Greg Graffin: Glaube ist ein biologischer Vorgang. Er ist ein Teil unseres Gehirns. Jedes menschliche Wesen muss an irgendetwas glauben. Die häufigste Sache, an die Menschen glauben, ist Religion. Und nun erkenne ich als Stellvertreter von Bad Religion zum ersten Mal an, dass Glaube wahr ist. Es ist in allen immanent. Man kann sich aber auch aussuchen, an was man glauben will, und das können viele verschiedene Dinge sein. Ich habe mir zum Beispiel ausgesucht, an die Wissenschaft zu glauben. Wissenschaft ist kein blinder Glaube, sie basiert auf Beweisen. Das unterscheidet die Wissenschaft von Religion, denn meiner Meinung nach ist Religion blinder Glaube an Dogmatismus. Auf der einen Seite ist der Titel des Albums praktisch übertragbar auf den Namen der Band, auf der anderen Seite ist es interessant, weil jeder von uns an sich selbst glauben musste, um dieses Album zu machen. Wenn man so lange dabei ist, muss es einen Grund geben ein neues Album aufzunehmen. Wenn wir nicht an uns selbst geglaubt hätten, hätte es keinen Grund gegeben dieses Album einzuspielen. Der Titel ist die beste Beschreibung unserer gegenwärtigen Situation.

INHARD: Welcher ist dein Lieblingssong auf “The Process Of Belief”?

Greg Graffin: Mein Lieblingssong ist “The Defense”. Ich weiß zwar nicht, was ich so sehr an ihm mag, es ist einfach eine emotionale Bindung, die ich zu diesem Song habe. Er ist sehr schonungslos, er drückt ganz klar aus, dass unsere Welt voller Gefahren ist und dass wenn wir nicht auf uns aufpassen, wir untergehen werden.

INHARD: Was würde passieren, wenn Brett nach diesem Album erneut die Koffer packt und verschwindet?

Greg Graffin (lacht): Wer weiß? Ich glaube nicht, dass er nach diesem Album aussteigt. Aber das wäre seine persönliche Entscheidung – das war sie immer – so wie es meine persönliche Entscheidung war, in der Band zu bleiben. Man muss einfach lernen, mit solchen Situationen umzugehen, wenn sie aufkommen. Aber ich kann versichern, dass Brett sehr glücklich ist, wo er jetzt ist, und ich hoffe, dass er noch eine Weile bleibt...

INHARD: Bist du verheiratet?

Greg Graffin: Nein. Ich bin geschieden, aber die Scheidung liegt schon 6 Jahre zurück.

INHARD: Hast Du Kinder?

Greg Graffin: Ja, ich habe zwei Kinder mit 7 und 9 Jahren.

INHARD: Geben sie in der Schule mit dir an und sagen den anderen Kindern: “Ätsch, mein Papa ist der Sänger von Bad Religion”?

Greg Graffin (schmunzelt): Sie lieben Bad Religion, und sie erzählen auch gerne in der Schule davon.

INHARD: Kann ich verstehen. Mein Vater ist Versicherungskaufmann, das ist nicht so spannend.

Greg Graffin (lacht lautstark): Ja, da ist mein Job doch vielleicht etwas aufregender. Aber das bedeutet auch, dass ich meine Kinder nicht so oft sehen kann. Sie kommen zwar oft auf Tour und besuchen mich, aber es geht eben nicht immer, weil sie Schule haben.

INHARD: Spielen sie Instrumente?

Greg Graffin: Ja, sie sind sehr musikalisch. Ich habe ein Studio in meinem Haus, deshalb sind sie sowieso immer mit Musikinstrumenten umgeben. Sie mögen Bad Religion wirklich, und ich musste sie nicht einmal dazu zwingen – vielleicht wollen sie nur nett zu Daddy sein? (lacht) Ihre zweite Lieblingsband nach Bad Religion sind die Hensons...

Simone Pfundstein