“Für mich ist ‘Echos” wie eine Reise in die Tiefe der Dinge. Es geht darum, das persönliche Ich, das Gegenüber, Objekte oder Situationen genauer zu betrachten, und zwar nicht nur an der Oberfläche. Und wenn man davon ausgeht, dass man nur jemanden lieben kann, wenn man sich selbst liebt, kann man sein Gegenüber auch nur verstehen, wenn man sich selbst versteht. Deshalb ist das Album auch in die beiden aufeinanderfolgenden Zyklen “Suche”, “Hingabe” und “Bittruf” unterteilt. Der Blick nach Innen ist die Voraussetzung dafür, sich selbst und andere verstehen zu können...” TILO WOLFF

inHard: Das neue Lacrimosa-Album trägt den Namen “Echos”. “Echos” können ja auch Rückkopplungen von Gefühlen sein. Hat das damit etwas zu tun?

Tilo Wolff: Bezüglich der “Echos” gibt es diverse Ansatzpunkte. Im Musikalischen verbindet das Album Elemente aus verschiedenen, zeitlichen Epochen. Wenn man an die Gamben und Cembalos denkt, reicht das sogar bis in die Zeit des Barock hinein. Natürlich gibt es auch emotionale Rückkopplungen bzw. Echos auf der Platte zu hören, die in meine persönliche Vergangenheit reichen. Ich habe damit viele Erlebnisse verarbeitet, die mir im Laufe der Jahre widerfahren sind. Man selbst ist ja auch immer das Produkt der Dinge, die man erlebt hat. Wenn ich zum Beispiel in Mexiko aufgewachsen wäre, wäre ich mit Sicherheit ein ganz anderer Mensch geworden. Was ich damit sagen will, ist, dass alle Entscheidungen, die ich heute treffe, auf meinem derzeitigen Entwicklungsstadium beruhen und natürlich auch meine Zukunft prägen werden. Ich stehe also - wie jeder Mensch auch - zwischen verschiedenen Echos, ergänzt um jene speziellen Echos aus der bisherigen musikalischen Vergangenheit von Lacrimosa. Unser neues Album verarbeitet von der musikalischen Seite her all das, was Lacrimosa je ausgemacht hat.

inHard: Das heißt aber wohl auch, dass diese Platte in ihrer jetzigen Form nur in diesem Jahr (2002) entstehen konnte. Hättest du sie 2 Jahre früher oder später gemacht, wäre wohl etwas völlig anderes dabei heraus gekommen?

Tilo Wolff: Absolut, schau dir zum Beispiel die Zeitlichkeit des Stücks “Malina” auf unserem Album an. Das ist eine Komposition, die einerseits mit dem Spinett bzw. Quintett arbeitet, bei dem aber auch moderne Loops zu hören sind. Würdest du jetzt das eine oder andere Element aus dem Song herausnehmen, würde die Nummer in sich zusammenbrechen. Da es diese Loop-Geschichten zu der Zeit, als ich mit Lacrimosa begonnen hatte, noch gar nicht gab, wäre dieses Stück in dieser Form beispielsweise früher auch gar nicht möglich gewesen. Deshalb ist es ganz richtig, was du eingangs gesagt hast, dass diese Platte nur heute möglich gewesen ist. Alleine auch schon von der gefühlsmäßigen Konstitution her, die dahinter steckt. Von der essentiellen Substanz ganz zu schweigen...

inHard: Eine hypothetische Frage wäre auch, wie dieses Album wohl in 10 Jahren auf dich wirken würde? Welche Echos es dann auf den zukünftigen Standpunkt deiner künstlerischen Entwicklung geben würde?

Tilo Wolff: Ja, das wäre sicherlich sehr spannend. Es gibt ja tatsächlich auch schon Lacrimosa-Alben, die älter als 10 Jahre sind, und mit denen ich das machen kann. Ich hab’ mir in letzter Zeit, gerade bevor ich ins Studio ging, viele alte Alben von uns auch ganz intensiv angehört. Das war wirklich wie eine sehr aufschlussreiche Reise in die Vergangenheit. Wenn du dir eine Platte anhörst, die deine persönlichen Gefühle von vor 10 Jahren widerspiegelt, kann man das eigentlich schlecht in Worte fassen...

inHard: Würde es dich denn auch mal reizen, musikalisch etwas vollkommen Neues zu machen, oder muss der Bezug zur Vergangenheit immer gewahrt bleiben?

Tilo Wolff: Nicht wirklich. Ich mach’ ja auch viele neue Sachen, u.a. in Gothic-Metal-Bands, wo ich auch mitwirke, natürlich aber auch bei Lacrimosa. Auf dem aktuellen Lacrimosa-Album habe ich zudem versucht, einige neue Wege zu gehen. Beispielsweise habe ich auf einem Stück Jazz-Schlagzeug, Orgel und Xylophon miteinander verbunden, was es in dieser Form bisher bei uns noch nicht gab. Ich bin halt - wie jeder andere Künstler auch - sehr von meiner persönlichen, musikalischen Geschichte geprägt. Jede ehrliche Kunst ist ja in gewisser Weise auch eine Art Retrospektive aus Vergangenheit und persönlich Erlebtem des Künstlers . Du kannst als Künstler auch nur am ehrlichsten darüber schreiben, was du erlebt hast bzw. was dich bis zu diesem ganz bestimmten Punkt in deinem Leben gebracht hat. Natürlich gibt es auch Zukunftsängste, die in deine Musik einfließen können...

inHard: Ich hätte noch gerne was von dir über die einzelnen Instrumente gewusst. Der Klang des Melotron erfolgt doch wohl über magnetische Influenz, gesteuert durch die menschliche Hand?

Tilo Wolff: Fast. Das Melotron ist praktisch die Urform des Samplers. Von außen gesehen ist dieses Instrument ein sehr großes Keyboard, in dessen Inneren sich eine Menge verschiedenster Spulen befinden. Also fast wie bei einem Tonband. Und auf diesen Spulen sind dann die verschiedensten Instrumente aufgenommen, die sich durch Tastendruck abspielen und verändern lassen. Also fast wie bei einem Sampler. Wir haben bei unserem Album in diesem Fall eine Spule mit Orchester-Sound bzw. Geige benutzt, die genau den Sound widerspiegelt, wie man ihn vor etwa 30 Jahren verwandte, wenn man gerade keine Geigerin zur Verfügung hatte. Dadurch kommen auf der Platte ganz bestimmte Stimmungen zustande, die aus heutiger Sicht irgendwie ganz wahnsinnig und abgefahren klingen. Der Sound klingt ein wenig eierig und mumpfig (lacht), aber ich fand die Hinzuziehung dieser ganz speziellen Sounds sehr, sehr spannend...

inHard: Wo hattest du denn dieses Melotron überhaupt her? Kriegt man das noch so ohne größere Probleme?  

Tilo Wolff: Melotrone werden in dieser Form nicht mehr produziert. Aber dadurch, dass wir in unserem Hamburger Studio bereits seit 20 Jahren aufnehmen, war es relativ einfach, ein solches Instrument zu besorgen. Durch deren langjährige Kontakte zu unzähligen Musikern usw. sind sie in der Lage, eigentlich an jedes Instrument heran zu kommen, das es irgendwo gibt.

inHard: Häufiger zu hören ist auf dem Album auch die Gambe. Was ist das noch für ein Instrument?

Tilo Wolff: Die Gambe ist der Vorläufer des Cellos.  Viele Instrumente wurden im Laufe der Zeit weiterentwickelt und klingen anders als in ihrer ursprünglichen Form. In der Barockzeit wurden beispielsweise Kompositionen speziell für Gamben u.a. Instrumente dieser Zeit geschrieben. Wenn du solche Kompositionen heute hörst, klingen sie anders als damals, was eine Schande ist. So war früher die Saite einer Geige aus gedrehtem Schweinedarm, was einen ganz anderen Klangcharakter erzeugte. Auch der Korpus der Geige ist weiterentwickelt worden. Früher waren Geigen nicht in der Lage, dynamisch zu spielen, d.h. ein Strich auf der Geige war immer gleich, er konnte nicht leiser oder lauter gespielt werden.  Und so hat man damals in der Barockzeit  die Treppendynamik dadurch erzeugt, dass wenn man eine Passage während eines Stückes lauter spielen wollte, man einfach mehr Instrumente hat spielen lassen. Zur Familie der Gamben gehört auch der Kontrabass, der als Instrument über die Jahre nicht weiterentwickelt wurde. Der Kontrabass hat, wie ich finde, einen sehr eindringlichen, faszinierenden Klang.

inHard: Hattest du die Klangfarben dieser Instrumente beim Komponieren denn schon im Hinterkopf?

Tilo Wolff: Im Prinzip ist es beim Komponieren so, dass es bei diesem Vorgang schon sehr viele Melodien gibt, die mich förmlich “anschreien”. Da gibt es Melodieläufe, die auf dem Horn wunderbar klingen, auf dem Klavier dagegen ziemlich nichtssagend sind. Auf dieser Platte war es umgekehrt. Da gab es Stücke, bei denen ich den Wunsch hatte, mal etwas für Gambe schreiben zu wollen. Ursprünglich war das Ganze nur als kurzes Interludium geplant, doch dann sind Gefühle bei mir aufgekommen, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte...

inHard: Als Einstieg zum Album hast du eine fast 13minütige, klassische Ouvertüre mit dem Titel “Kyrie” gewählt. Sie klingt fast sakral und andächtig. Wolltest du damit den Hörer in eine spezielle Stimmung bringen?

Tilo Wolff (lacht): Auf jeden Fall wollte ich den Hörer mit dieser Einleitung in eine gewisse Stimmung versetzen. Für mich ist “Kyrie” praktisch die “Eingangshalle” des Albums, in der man sich auch ruhig ein bisschen aufhalten und umschauen soll. Ich möchte, dass sich der Hörer mit dem Album auseinandersetzt. Und wenn man nicht in der entsprechenden Stimmung ist bzw. “Kyrie” nicht ganz erträgt, dann sollte man das Album vielleicht lieber weglegen...

inHard: Du hast das Album sehr geschickt in zwei Zyklen mit den drei aufeinanderfolgenden Themenbereichen “Suche”, “Hingabe” und “Bittruf” aufgebaut. Was steckt hinter dieser offensichtlichen Logik?

Tilo Wolff: Für mich ist das ganze Album wie eine Reise in die Tiefe der Dinge. Es geht darum, das persönliche Ich, das Gegenüber, Objekte oder Situationen genauer zu betrachten, und zwar nicht nur an der Oberfläche. Und wenn man davon ausgeht, dass man nur jemanden lieben kann, wenn man sich selbst liebt, kann man sein Gegenüber auch nur verstehen, wenn man sich selbst versteht. So gesehen sind die Part 1 der drei Themenbereiche (“Suche”, “Hingabe”, “Bittruf”) der jeweilige Blick nach Innen, die Voraussetzung dafür, sich selbst und andere verstehen zu können. Und die Part 2 sind dann die Betrachtungen nach Außen, praktisch die Anwendung der Erkenntnisse, die man in den Part 1 gewonnen hat...

Rainer Guérich