FĂŒr die Freunde des Progressive-Rocks gibt es an dieser Stelle ein ganz besonderes Highlight. POOR GENETIC MATERIAL kommen aus Heidelberg und zĂ€hlen fĂŒr mich neben RPWL. zu den besten dt. Vertretern dieses Genres. inHard unterhielt sich mit Keyboarder PHILIPP JAEHNE.

 

inHard: Könnt ihr unseren Lesern zu Anfang bitte etwas ĂŒber eure bisherige Bandgeschichte erzĂ€hlen? Ihr habt als Duo begonnen und euch dann nach und nach zum Quintett verstĂ€rkt?

Philipp: Genau! Stefan (Glomb, guit.) und ich haben frĂŒher mit verschiedenen Performance-Theater-Gruppen zusammengearbeitet, denen wir quasi die „Soundtracks“ lieferten. Das war also rein instrumentale, sehr freie Musik. Daneben hatten wir aber immer Ideen fĂŒr eher Song-orientiertes Material, nur fehlte uns der SĂ€nger. Als wir dann Phil Griffiths (voc.) und Ludwig Benedek (dr.) von Alias Eye trafen, konnten wir diese Ideen endlich umsetzen. Das erste Album mit den Beiden („Summerland“, 2001) haben wir noch als Quartett eingespielt. Danach stieß Dennis Sturm am Bass dazu, so dass wir bereits „Leap Into Fall“ (2002) als echte Band einspielen konnten.

inHard: Welche klangliche bzw. stilistische Entwicklung habt ihr in den vergangenen Jahren durchgemacht?

Philipp: Mit dem Dazustoßen der beiden Alias Eyes ist Poor Genetic Material im Grunde eine völlig andere Band geworden. Obwohl AnklĂ€nge an unsere frĂŒhere Soundscape-Soundtrack-Arbeit ab und zu noch durchklingen, steht Phil Griffiths‘ Gesang deutlich im Zentrum unserer Musik, und wird von vielen sicherlich als das Trademark der Band gesehen. Stilistisch laufen wir wohl unter dem Etikett „Progressive Rock“, obwohl mir der Begriff nicht besonders gefĂ€llt. „Art Rock“ finde ich da schon passender, weil es eher eine Haltung zur Musik beschreibt und einen weniger auf bestimmte VersatzstĂŒcke und Klischees festlegt.

inHard: Könnt ihr mir Bands nennen, die euch musikalisch beeinflusst haben?

Philipp: Da kommen wir natĂŒrlich an den großen Prog-Bands der Siebziger nicht vorbei. Melodien und Harmonien wurden damals in einer Art ausgefeilt, wie man es heute oft vergeblich sucht. Als Einfluss genauso wichtig waren aber auch Leute wie Brian Eno oder David Sylvian und aus einer ganz anderen Ecke auch intelligente Pop-Bands wie XTC oder The Police.

inHard: Gibt es bei Poor Genetic Material einen Songschreiber bzw. wie entstehen eure Songs?

Philipp: Das GrundgerĂŒst kommt immer von Stefan und mir. Wir nehmen die Songs auch schon skizzenartig mit Gitarren, Keys und einem zunĂ€chst programmierten Grundgroove auf. Wenn das steht, kommt die Rhythmus-Abteilung und schmeißt in der Regel unsere Rhythmus-Grundideen komplett ĂŒber Bord. Das heißt natĂŒrlich, dass auch unsere Gitarren und Keyboardparts grĂŒndlich ĂŒberarbeitet werden mĂŒssen. Wenn wir die Songs dann zu viert instrumental eingespielt haben, kommt Phil dazu und arbeitet die Gesangslinien aus. Auch das fĂŒhrt natĂŒrlich noch einmal zu Änderungen, so dass die Ideen, die einem StĂŒck zu Grunde liegen, immer wieder auf den PrĂŒfstand gestellt und weiter entwickelt werden.

inHard: Wie lange habt ihr an den Songs zu „Winter's Edge“ gearbeitet? Was könnt ihr mir ĂŒber die Studioaufnahmen berichten?

Philipp: Bei unserer Arbeitsweise erstreckt sich das ĂŒber einen recht langen Zeitraum. Schreiben und Aufnehmen der StĂŒcke verlaufen bei uns ja parallel. Von den ersten Skizzen bis zum fertigen Album dauert das dann schon fast ein Jahr. So etwas geht natĂŒrlich nur im eigenen Studio, ansonsten wĂ€re das unbezahlbar. Nur fĂŒr den Schluss-Mix und das Mastering holen wir uns dann noch jemanden von außen, einfach um ein noch „unverbrauchtes“ Ohr zu haben.

inHard: Mir gefĂ€llt an eurer CD, dass ihr die Grenzen fĂŒr euren Art-Rock nicht zu eng absteckt. Die einzelnen Tracks entwickeln ein ganz unterschiedliches Klangaroma, wobei ich insbesondere den Opener „Sharp Bends Sudden Crests“ mit seinem unterschwellig dynamischen Antrieb sehr gelungen finde. Woher rĂŒhrt eure VariabilitĂ€t bzw. eure Vorliebe zum Improvisieren?

Philipp: Diese VariabilitĂ€t entsteht bei uns aus vielen verschiedenen EinflĂŒssen. Es ist eben ein sehr breites Spektrum von Musik, das wir selbst mögen und was man hört, schlĂ€gt sich - ob man will oder nicht - immer auch in der Musik nieder, die man selbst macht. Die Vorliebe zum Improvisieren kommt sicher von dem, was wir frĂŒher gemacht haben, erklĂ€rt sich aber auch aus unserer Arbeitsweise: WĂŒrden wir hier nicht bewusst Platz fĂŒr freie, offene Passagen lassen, könnte das Ganze leicht konstruiert oder steril klingen.

inHard: Was könnt ihr mir ĂŒber das zweigeteilte TitelstĂŒck „Winter's Edge“ erzĂ€hlen, bei dem der erste Teil ĂŒber 11 Minuten dauert?

Philipp: Die beiden Teile bilden ja eine Art Sandwich fĂŒr „Nuage Bleu“. UrsprĂŒnglich sollte das Ganze ein 20-MinĂŒter werden, der Mittelteil hat dann allerdings mehr und mehr ein Eigenleben entwickelt, so dass irgendwann klar war, dass er als eigenstĂ€ndiges StĂŒck zwischen den beiden Teilen von „Winter‘s Edge“ stehen musste. Dabei ist der zweite Teil ja nichts anderes als eine straighte Reprise des sehr verschachtelten ersten Teiles, der die Essenz des Ganzen noch einmal zusammenfasst.

inHard: Habt ihr spezielle Lieblingssongs auf dem Album?

Philipp: Das wechselt. Der Titelsong hat ein paar Melodien, die mich selbst immer noch richtig berĂŒhren. „Sharp Bends ...“ und „Nuage Bleu“ gefallen mir wegen der von dir so schön beschriebenen Dynamik. „Whitescape“ ist ein StĂŒck, in das man sich in der richtigen Stimmung so richtig fallen lassen kann.

inHard: Was könnt ihr mir ĂŒber die aufwendig gestalteten Paintings im Cover-Artwork erzĂ€hlen? Ist es richtig, dass sich der Speyerer KĂŒnstler Oliver Schollenberger beim Zeichnen der einzelnen Bilder durch eure Musik hat inspirieren lassen?

Philipp: Eher durch meine ErzĂ€hlungen davon. Ich habe ihm von unserer Idee erzĂ€hlt, ein Album zu machen, das sich musikalisch, textlich und im Artwork der Winter-Thematik annehmen sollte – das also auch als Album eine echte Einheit werden sollte. Das hat ihn sehr interessiert, und er hat sich gleich an die Arbeit gemacht. Dabei kannte er Songtitel, Texte und einige musikalische Fragmente. Das komplette Album hat er aber erst gehört, nachdem er fertig war. Er war einfach schneller als wir.

inHard: Welche AktivitÀten stehen mit Poor Genetic Material demnÀchst an?

Philipp: Wir sind bereits beim Schreiben und Aufnehmen des nĂ€chsten Albums, des noch fehlenden „FrĂŒhlings-Albums“ in unserem Jahreszeiten-Zyklus. Es wird aber sicher noch eine ganze Weile dauern, bis das fertig ist ... FrĂŒhjahr 2005 ist wohl wahrscheinlich. Eine Tour wird es zunĂ€chst nicht geben. Aufgrund der Verpflichtungen von Phil und Ludwig bei Alias Eye ist das terminlich nicht zu machen.

inHard: Hier könnt ihr noch eine Botschaft bzgl. eurer neuen CD los werden...

Philipp: Vielleicht sollte man erwĂ€hnen, dass die CD in Deutschland ĂŒber Paengg vertrieben wird und eigentlich ĂŒberall erhĂ€ltlich ist. Da gab es nĂ€mlich einige Probleme, weil manche der großen LĂ€den nicht bei Paengg bestellen wollen, da sich GeschĂ€fte mit einem eher kleinen Vertrieb aus deren Sicht nicht lohnen.

inHard: Welche Mucke schiebt ihr in eurer Freizeit in die Lade eures CD-Players?

Philipp: Wirklich alles von Pop ĂŒber Rock, Prog, Jazz bis zu Klassik. Es gibt in jeder Richtung so viel gute Musik, da kann man unmöglich in einer Ecke hĂ€ngen bleiben. Man darf nur nie den Fehler machen und das Radio einschalten...

Rainer GuĂ©rich