Die Inchtabokatables sind zurück! Zwei Jahre waren die Berliner Musikanarchos ohne Plattenvertrag und konnten ohne zeitlichen Druck und falsche Trendschielerei an ihrem neuen Meisterwerk “Mitten im Krieg” feilen. Herausgekommen ist ein vor Energie nur so strotzendes Klangwerk, das sich bewusst allen Regelkonventionen widersetzt und vor bedrohlichen, dennoch hymnischen Titeln förmlich überquillt. “Mitten im Krieg” ist eine rebellierende Zustandsbeschreibung des Jahres 2001, aber auch eine Ode an die ungebremste Experimentierfreude, die die Inchies nach zehn langen Jahren immer noch zu neuen Ufern treibt. inHard sprach mit Sänger B. Breuler.

 

inHard: Erstmal herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album. Meiner Meinung nach ist es die organischste, experimentierfreudigste  und fetteste Scheibe, die ihr je veröffentlicht habt!

B. Breuler: Das sehen wir auch so!

inHard: Und auf eine Gitarre verzichtet ihr nach wie vor?

B. Breuler: Ja, wir brauchen dieses Instrument auch gar nicht, da wir mit den beiden Geigen, Cello und Schlagzeug wirklich sehr gut bedient sind. Bezüglich der Aufnahme hast du aber recht. Wir haben während den Recording-Sessions etliche ungewöhnliche Mittel und Wege ausprobiert. Das heißt, wir sind diesmal von dem klassischen Aufnahmeweg (ins Studio gehen und dann jedes Instrument einzeln sauber aufnehmen) ganz bewusst abgewichen. Gerade, weil wir uns alle Möglichkeiten, mit dem Klang zu experimentieren, offenhalten wollten.

inHard: Ihr habt mit den Aufnahmen ja auch während einer Zeit begonnen, wo ihr völlig ohne Plattenvertrag wart. Hat sich das auf die experimentelle Note positiv ausgewirkt?

B. Breuler: Sicher, diese Situation hat unseren kreativen Tatendrang gefördert. Wir konnten völlig unverkrampft an unseren Songs herumschrauben. Allerdings waren wir jetzt nicht “klassische” 3 Wochen am Stück im Studio. Die einzelnen Songs entstanden während abwechselnder Phasen mal in unserem eigenen Studio, mal im Horus-Studio in Hannover und mal in Berlin. Das heißt, wir haben peu à peu an den einzelnen Tracks unter verschiedenen Voraussetzungen gearbeitet, bis sie schließlich genau die Reife hatten, die du nun hörst.

inHard: Und trotzdem klingen alle 9 Songs in ihrer Gesamtheit ungewöhnlich homogen. Das ist doch gerade wegen der unterschiedlichen Aufnahmebedingungen sehr erstaunlich!

B. Breuler: Das liegt aber auch daran, dass wir wirklich sehr genau wussten, was wir wollten. Wir hatten genaue Vorstellungen darüber, wie wir unsere Musik umsetzen wollten. Da ist der Aufnahmeort bzw. die Aufnahmesituation relativ egal. Wichtig war, dass wir genau wussten, wie das musikalische Ergebnis klingen sollte. Und genau dieser Fakt führte schließlich auch dazu, oftmals ungewöhnliche Wege zu gehen. Manchmal  haben wir 15 Mikrofone benutzt, um drei Instrumente aufzunehmen. Es gibt aber auch Kompositionen, bei denen wir nur ein einzelnes Mikro vor drei zusammenspielende Streicher gesetzt haben, um dann als Endresultat einen sehr homogenen Klang zu kriegen. Und da spielte es nun überhaupt keine Rolle, wo und in welchem Studio wir uns gerade befanden. Da ging es einzig und alleine darum, unsere Gefühle und Emotionen in musikalischer Form adäquat umzusetzen. Die räumliche Umgebung spielt natürlich insofern eine Rolle, dass du dich wohlfühlen musst, um Musik machen zu können.

inHard: War es eure Prämisse, den Sound völlig losgelöst von irgendwelchen Klangschemata zu betrachten?

B. Breuler: Das war nicht unbedingt eine Prämisse, sondern hing einfach mit unserer Arbeitsweise zusammen. Wir hatten Zeit, keinen Druck und konnten uns wirklich solange mit der Musik beschäftigen, wie wir wollten. Es gab also keine Plattenfirma, die uns im Rücken stand und sagte: “Ihr müsst übermorgen oder in zwei Wochen fertig sein!” Gerade dieser unsägliche Zeitdruck verlangt von dir als Band immer irgendeine Art von Kompromiss, natürlich in erster Linie aus Kostengründen (Studio etc.). Da wir als Band aber das Meiste selbst machen konnten, hatten wir die Zeit, alles so zu machen, wie wir es wollten. Die Songs, die du auf “Mitten im Krieg” hören kannst, sind genau die Stücke, die wir spielen wollten. Ein Dogma bzw. ein Rezept, dies so in dieser Form zu machen, gab’s vorher nicht.

inHard: Was hat euch dazu bewogen, dem Album den plakativen Titel “Mitten im Krieg” zu geben?

B. Breuler: In dem Moment, als der Titel bei uns ins Gespräch kam, erschien uns das gar nicht  plakativ. Wir saßen im Horus-Studio in Hannover und hatten uns die halben Tage und die ganzen Nächte um die Ohren geschlagen. Und immer, wenn wir an der Musik intensiv gearbeitet hatten und dann nach draußen kamen, gab es im Fernsehen Nachrichten über den Krieg zu sehen. Und auf der Straße, wohin du sehen konntest, nur Konsumterror! Das kam uns wie eine ganz andere Welt vor. Nach 12 bis 14 Stunden täglichem Studioaufenthalt konnte man schon den Eindruck gewinnen, dass wir uns wirklich mitten im Krieg befinden.  Und als dieser Titel dann zum ersten Mal fiel, gab es ein kurzes Stutzen bei uns allen, doch dann war uns sofort klar: “Das ist genau die Situation, in der wir uns befinden. Sowohl als Band als auch nach außen hin.”

inHard: Zu einem gleichnamigen Stück hat euch diese Situationsbeschreibung dann aber doch nicht beflügelt!

B. Breuler: Nee, ich denke auch, dass die Musik diesen Zustand sehr gut ohne ein Stück mit diesem Namen ausdrückt.

inHard: Dein Gesang auf dem dritten Stück “Rain” erinnert mich sehr an David Bowie...

B. Breuler: Ja? Das ist doch nicht schlecht. Von David Bowie kenne ich nur ein Stück, und da bin ich mir gar nicht sicher, ob das überhaupt von ihm ist. (lacht) Ist “Ziggy Stardust” von Bowie?

inHard: Klar, ein ganz legendäres Stück von ihm!

B. Breuler (lacht): Na, das ist doch gut. Da kenn’ ich ihn ja doch. Aber du merkst schon, dass ich mich offensichtlich mit diesem Herrn nicht auseinandergesetzt habe. Das ist wohl ein reiner Zufall...

inHard: Themawechsel. Eure Singleauskopplung “Come With Me” klingt sehr clubkompatibel!

B. Breuler: Klar, unser neues Material ist nun mal so angelegt, dass man es für den Dancefloor ziemlich gut remixen kann. Außerdem finde ich auch, dass die Clubs mittlerweile ein sehr gutes Verbreitungsgebiet für solche Art von Musik geworden sind. Wir würden uns auch gar nicht darüber wundern oder ärgern, wenn der Clubmix von “Come With Me” in der einen oder anderen Subway-Bude erklingt.

inHard: Ihr habt insgesamt so um die 3 Jahre an der neuen Platte rumgefeilt. Sind da nicht auch sehr viele Stücke unter den Tisch gefallen?

B. Breuler: Auf jeden Fall. Es hat sich aber während der Arbeit bzw. den Aufnahmesessions irgendwann herauskristallisiert, welche Kompositionen tatsächlich drauf sollten bzw. so dicht sind, dass sie die Platte letztendlich mittragen können. Und da sind natürlich etliche Stücke herausgefallen, an denen man vielleicht irgendwann mal weiterarbeitet oder die man einfach einmal für eine Zeitlang liegen lässt. Die 9 Stücke sind also genau die Auswahl, die wir haben wollten.

inHard: Was hat euch dazu bewogen, für die Single-CD nochmal eine Neuversion des “Schlaflieds” aufzunehmen?

B. Breuler: Das haben wir vor allem deshalb gemacht, weil wir unseren Fans nochmal den Weg aufzeigen wollten, den wir musikalisch die letzten 10 Jahre gegangen sind.  Schließlich war das “Schlaflied” ein sehr markanter Meilenstein unserer ersten Platte, den wir jetzt in einer adäquaten Version in das Jahr 2001 transportiert haben.

inHard: Am 19. April startet eure Deutschland-Tour in Nürnberg. Wie werdet ihr denn den diffizilen Sound der Platte auf der Bühne präsentieren?

B. Breuler: Das wird natürlich eine völlig neue Herausforderung für uns. Gerade wegen der bereits angesprochenen Aufnahmegeschichte. Klar ist jedenfalls, dass wir versuchen werden, die Intensität der CD angemessen umzusetzen. Es geht darum, die Kraft, die auf der Platte zu hören ist, in uns zu erzeugen und auf das Publikum zu bringen. Und was es dazu braucht, das werden wir den Stücken auch live geben. Wir sind da momentan sehr heftig dran am Arbeiten und haben auch schon festgestellt, dass sich bei einigen Stücken diesbezüglich einige Veränderungen ergeben werden. Es gibt aber auch Songs, die wir problemlos in der CD-Form für die Konzerte übernehmen können. Wir werden sehen...

Rainer Guérich

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